Lokal verankert und international relevant – auch im Ausstellungsprogramm des Kunsthauses Göttingen spiegelt sich
dieser zentrale Aspekt wider.

ausstellungen

Im Rahmen von Wechselausstellungen werden, in enger Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Künstler*innen, bis zu vier Ausstellungen im Jahr gezeigt, die Arbeiten auf Papier (Fotografie, Zeichnungen, Druckgrafik, Plakate, Bücher) und neue Medien präsentieren. Ausstellungen einzelner Künstler*innen gehören ebenso zum Konzept wie umfangreiche Gruppenausstellungen unterschiedlicher Arbeitsansätze.

Den Auftakt macht ab Mitte Mai 2021 eine umfassende Einzelausstellung der New Yorker Künstlerin Roni Horn, gefolgt von einer Gruppenausstellung zum Thema »Modell Tier«. Beide Ausstellungen werden von Ute Eskildsen kuratiert. Danach werden in einer Doppelausstellung die Werke der südafrikanischen Künstler Banele Khoza (*1994) und Santu Mofokeng (1956–2020) gezeigt, kuratiert von Joshua Chuang und Ute Eskildsen. Der Göttinger Life-Science-Konzern Sartorius schenkt den Besuchern in den ersten fünf Jahren den Eintritt für alle Ausstellungen des Kunsthauses.

„Smaller Bundles Cram“
Photographer: Ron Amstutz; Courtesy of the artist and Hauser & Wirth

testläufe und IN BETWEEN

Kontinuierlich werden zwischen größeren Ausstellungen kurze »Testläufe« veranstaltet, die den Künstlerinnen und Künstlern, Fotografinnen und Fotografen die Chance geben, Präsentationsformen für ihre Arbeit zu erproben: Gerahmt oder an die Wand gepinnt, projiziert oder auf Tischen präsentiert, in Alben, Büchern oder kombiniert oder vielleicht etwas ganz anderes?

Die Idee dabei ist, den persönlichen Austausch zwischen Künstler*innen und Publikum zu ermöglichen. Der öffentliche Zugang zu solchen Arbeitsprozessen gestattet gleichzeitig einen Blick hinter die Kulissen.

Als zusätzliches Interimsformat werden im Rahmen von »IN BETWEEN«-Ausstellungen kleine kuratierte Präsentationen stattfinden, die zusammen mit den »Testläufen«  die Zeiten zwischen größeren Ausstellungen ausfüllen. Vor der eigentlichen Eröffnung des Kunsthauses gibt die Präsentation »Vom Buch an die Wand / From Book to Wall«, Einblicke in die Arbeit des Fotografen Gilles Peress.

Testlauf 1: Vom Buch an die Wand / From Book to Wall

Gilles Peress

Whatever You Say, Say Nothing

Druckbögen – Buchdummies – Proofs – Videos

Die Ausstellung

»Vom Buch an die Wand / From Book to Wall« erzählt die Geschichte des Drucks von Gilles Peress’ langerwartetem Buch über den Nordirland-Konflikt Whatever You Say, Say Nothing. Druckbögen, Buchdummies, Proofs und Videos – das Rohmaterial des Büchermachens – geben Einblick in den inneren Prozess dieser Arbeit.

Schon 2003 hatte Peress mit Gerhard Steidl über die Idee zu Whatever You Say, Say Nothing gesprochen, und in den folgenden Jahren nahm das Buch in enger Zusammenarbeit mit dem Steidl Verlag allmählich Gestalt an: Peress‘ analoge Abzüge wurden gescannt, Stäubchen wegretouchiert und Farben behutsam korrigiert; die Typographie wurde festgelegt, das Buch-und Verpackungsdesign; um das Papier auszuwählen gab es 2019 die ersten Testläufe an der Druckmaschine; finale Korrekturen wurden vorgenommen, und vom 15. August bis 15. Dezember 2020 wurde die Auflage gedruckt. Gilles Peress und Gerhard Steidl nahmen jeden Bogen ab. Alles in allem liefen über dreißig Tonnen Papier durch die Maschine.

»Vom Buch an die Wand / From Book to Wall« ist die erste »Testlauf«-Ausstellung im Kunsthaus Göttingen. Die offizielle Buchpremiere von Whatever You Say, Say Nothing findet 2021 im Le Bal in Paris statt.

Fotos: © 2021 Steidl Verlag, Emilia Hesse

Das Buch

1972, er war gerade 26 Jahre alt, fotografierte Gilles Peress das Massaker, das die Britische Armee an irischen Zivilisten verübte, den sogenannten Bloody Sunday. In den 1980er Jahren kehrte Peress nach Nordirland zurück, entschlossen, die Möglichkeiten der visuellen Sprache und Wahrnehmung auszuschöpfen, um diesen unlösbaren und immer weiter eskalierenden Konflikt zu begreifen. Whatever You Say, Say Nothing versteht sich als »dokumentarische Fiktion«.

Fotografien aus mehreren Jahrzehnten werden 22 fiktionalen »Tagen« zugeordnet, um die Spirale, zu der Geschichte während eines scheinbar nie endenden Konflikts wird, zu verdeutlichen – wenn jeder Tag zu einer Wiederholung des immer gleichen Tages wird: Tage voller Gewalt, Demonstrationen, Aufstände, Arbeitslosigkeit, Trauer, aber auch voller »craic« (ein irischer Begriff für Freude und Spaß), wo man versucht, die eigene Situation einfach zu vergessen.

Gilles Peress hat das Projekt dreißig Jahre unter Verschluss gehalten – jetzt wird es mit Spannung erwartet. Eine ehrgeizige, außergewöhnliche Publikation, die die Sprache der dokumentarischen Fotografie an ihre Grenzen bringt, und die Leser*innen dann auffordert innezuhalten, das Rätsel zu lösen und sich die Bedeutung zu erschließen.

Foto: © 2021 Steidl Verlag, Emilia Hesse

»The book tells the story of a social and human drama. I think if there was a Nobel prize in Photography, it should go to Gilles Peress.« 

Gerhard Steidl

Gilles Peress, Whatever You Say, Say Nothing
Fotos: © 2021 Gilles Peress

Kuratorenführung

Der Gründungsdirektor Gerhard Steidl führt Interessierte per Video durch den ersten Testlauf. Vor der Eröffnungsausstellung »Roni Horn – You are the Weather« (Mitte Mai 2021) nehmen wir Sie mit in die Galerie und geben Einblick hinter die Kulissen. Der amerikanische Fotograf Mitch Epstein (New York) begleitet ihn durch den Testlauf.

Biografie

Gilles Peress, geboren 1946 in Neuilly-sur-Seine, ging 1974 nach New York und begann dort an einer Reihe miteinander verknüpfter Projekte zu arbeiten, die die formalen und konzeptionellen Möglichkeiten der Fotografie so erweitern, dass die Struktur von Geschichte und das Wesen von Intoleranz thematisiert werden kann. Das Resultat dieser Fotografien ist ein Zyklus unterschiedlicher aber ineinandergreifender Erzählungen, die in Fotobüchern und an Ausstellungswänden gezeigt wurden und in acht Editionen erschienen sind. Perres‘ Bilder und Fotobücher werden in der ganzen Welt ausgestellt (u.a. im Museum of Modern Art und dem MoMA PS1 in New York, sowie dem Centre Pompidou in Paris) und gelten als Sammlerstücke.

Roni Horn – You are the Weather

Zeichnung – Buch – Fotografie

Roni Horn, geboren 1955 in New York, studierte an der Rhode Island School of Design und an der Yale University. Ein Reisestipendium ermöglichte ihr einen mehrmonatigen Aufenthalt in Island, der ihr künstlerisches Schaffen seither prägt. Horn lebt und arbeitet heute in New York und Island, ihre Arbeiten wurden in umfangreichen Ausstellungen international präsentiert und befinden sich in einigen der namhaftesten Museen der Welt.

»Each form, to me, comments on and enriches the experience of the other.«

»Für mich kommentiert und bereichert jede einzelne Form das Erlebnis der jeweils anderen.«

Roni Horn

Roni Horn entwickelt stets äußerst innovative und hoch poetische Arbeiten. Sie kreisen z.B. um die Wandlungsfähigkeit von Identitäten, die Instabilität von Ort und Zeit, von Formen und Sprache. In allen Arbeiten sind Worte, Sätze oder auch Titel einbezogen – Sprache und Literaturbezüge sind ein wesentlicher Aspekt des Werkes. Das künstlerische Medium reicht dabei von der Zeichnung über Fotografie und Skulptur bis hin zum Buch. Das fotografische Verfahren mit seiner spezifischen Abbildungsqualität interessiert Horn als Medium der Bildung von Präsenz und Isolierung, nicht als Dokumentationsmittel. Der Betrachter wird über die Referenz zum Realen an das Sujet geführt, aber durch die Wiederholungen und Variationen des Dargestellten entzieht sich ihm eine eindeutige Interpretation.

„You are the weather, Part 2“
Photographer: Stefan Altenburger; Courtesy of the artist and Hauser & Wirth

Die Ausstellung im Kunsthaus Göttingen zeigt einen Einblick in ihr vielfältiges künstlerisches Schaffen. Ergänzt wird die Ausstellung von einem umfangreichen Begleitprogramm, das zusammen mit der Künstlerin erarbeitet wird.

Begleitprogramm

Parallel zu den Ausstellungen werden Workshops und Vorträge organisiert und Diskussionen veranstaltet. Für Kinder, Jugendliche, aber auch für Erwachsene bieten wir ein vielseitiges Programm zum Schulen der Wahrnehmung und aktiven Erleben von künstlerischen Ideen an. Für Schulklassen wird ein spezielles Programm angeboten.

Das Erleben und Vermitteln der Ausstellungen schafft gemeinsame Erfahrungen, die vielseitige Perspektiven eröffnen und Horizonte erweitern. Besucher*innen werden mit schönen, aber auch widersprüchlichen und verstörenden Bildwelten konfrontiert und herausgefordert.

Weitere Informationen und Kontakt:

fw@kunsthaus-goettingen.de